Sehr geehrte Damen und Herren, mit Bedauern und Verärgerung hat der Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe e.V. (BPS) gestern den Beitrag zum PSA-Test in der Sendung Plusminus verfolgt. Mit Bedauern deshalb, weil hiermit dazu beigetragen wurde, den PSA-Test als derzeit beste Methode zur frühzeitigen Erkennung von Prostatakrebs zu diskreditieren und früherkennungswillige Männer nachhaltig zu verunsichern. Mit Verärgerung deshalb, weil die von Ihnen zum PSA-Test gegebenen Information einseitig und lückenhaft sind. Im Einzelnen: 1. Der PSA-Test ist - ggf. in Verbindung mit weiteren diagnostischen Maßnahmen - zurzeit die zuverlässigste Methode, um Prostatatumoren frühzeitig zu erkennen und verbürgt insofern die größten Chancen für eine kurative Behandlung. 2. Der Mangel an Spezifität des PSA-Tests kann durch eine Einbeziehung von abgeleiteten Werten wie z.B. der PSA-Anstiegsgeschwindigkeit, der PSA-Verdoppelungszeit, des PSA-Quotienten und der PSA-Dichte, erheblich reduziert werden. Hierdurch kann die Gefahr, einer unnötigen Biopsie unterzogen zu werden, zwar nicht völlig ausgeschlossen werden. Diese Gefahr muss jedoch gegen die Möglichkeit abgewogen werden, rechtzeitig einen potenziell tödlichen Prostatatumor zu entdecken. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich bei der Biopsie nur um einen relativ harmlosen Eingriff handelt, so dass es vielen Männern – zu Recht – vertretbar erscheint, ein gewisses Überdiagnose-Risiko in Kauf zu nehmen.
3. Das Argument der Übertherapie, wonach der PSA-Test in weitem Umfang zur Entdeckung und Behandlung von im Grunde harmlosen Prostatatumoren führt, ist irreführend. Denn die Unterscheidung zwischen einem harmlosen und einem aggressiven Prostatatumor suggeriert die Gleichsetzung "einmal harmlos, immer harmlos". Dies trifft jedoch nicht zu, weil man sich nicht darauf verlassen kann, dass ein zunächst wenig aggressiver Tumor diese Eigenschaft für immer beibehält. Daher ist es besser, das "Problem" zu kennen und auf Veränderungen reagieren zu können, als die Augen vor einer möglichen Krebsgefahr zu verschließen und zu hoffen, dass, falls man Prostatakrebs hat, es sich schon um eine (auf Dauer) harmlose Tumorvariante handeln wird.
4. Die Implikation, dass die Diagnose "Prostatakrebs" automatisch zu einer operativen Entfernung der Prostata mit all ihren - teilweise lebenslang belastenden - Nebenwirkungen führt, ist ebenfalls unzutreffend: Der Automatismus "Prostatakrebsdiagnose -> Totaloperation" entspricht zwar einer noch verbreiteten Praxis; in vielen Fällen ist dies jedoch keineswegs zwingend. Bei einem Krebs mit niedriger Agressivität kann häufig sogar eine gänzlich abwartende Haltung - ohne therapeutische Intervention - eingenommen werden (sogenannte Aktive Überwachung oder "Active Surveillance"). Sofern es infolge einer PSA-basierten Früherkennung also zu einer Übertherapie kommt und man unnötigerweise "zu einem Krebspatienten gemacht wird", liegt dies in erster Linie an einer mangelhaften Aufklärung des Patienten und kann nicht dem PSA-Test angelastet werden.
5. Sofern in dem Beitrag behauptet wird, "neueste Studien" würden belegen, dass der PSA-Test zu keiner Mortalitätssenkung führt, ist dies irreführend bis falsch. Denn Sie beziehen sich hierbei offenbar auf das amerikanische "Prostate, Lung, Colorectal and Ovarian Cancer Screening Trial" (PLCO), dessen Aussagekraft u.a. aufgrund verunreinigter Kontrollarme kaum Aussagekraft besitzen dürfte. Die im März dieses Jahres vorgestellten Ergebnisse der "European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer" (ERSPC) mit 205.000 Patienten, die eine Mortalitätssenkung von 20% ergeben hat, unterschlagen Sie hingegen geflissentlich.
Vor diesem Hintergrund sowie in Anbetracht von jährlich ca. 12.000 prostatakrebsbedingten Todesfällen in Deutschland halten wir Ihren Beitrag für verantwortungslos und erwarten eine Klarstellung.